Royals: Eine Zeitreise

Mehr als zwanzig Jahre Hockey am Sommerdamm — bei dieser Zahl muss man sich erst einmal kneifen. Und doch ist es wahr: Die Rüsselsheim Royals schafften 2016 diesen Meilenstein und sind bis heute kein bisschen müde.

Es war Mitte der 1990er Jahre, als aus einer idealistischen Idee eine feste Tradition wurde. Gerade hatte sich unter dem Dach des Rüsselsheimer Roll- und Schlittschuhclubs eine neue Sparte gegründet. Der Verein, der sein Hauptaugenmerk bislang auf Eisstockschießen und Rollkunstlauf gelegt hatte, verfügte nun auch über eine Inlinehockey-Abteilung. Zu diesem Zeitpunkt steckte diese Sportart in Deutschland noch in den Kinderschuhen, war ein Nebenprodukt der Trendsportart Inline-Skaten, die Anfang der 1990er Jahre über den großen Teich schwappte und zahlreiche Menschen in ihren Bann zog.

 

Pioniere mit Hockeyschlägern

 

Getrost darf man im Rückblick den Ausdruck Pioniere verwenden, um die ersten Gehversuche der RRSC-Akteure in dieser Disziplin zu beschreiben. Das bemerkte man bereits auf den ersten Blick. Die Heimspielstätte am Sommerdamm verfügte anfänglich noch über keine hockeyspezifische Bande. Stattdessen begrenzten gut fünfzehn Zentimeter hohe Holzlatten das Spielfeld, darüber befand sich ein Rundlauf aus Eisen — die pure Verletzungsgefahr. Andauernd mussten Pausen eingelegt werden, wenn der Puck über die viel zu kleine Bande geschossen wurde. Das schreckte den ersten Jahrgang der Opelstädter allerdings nicht davon ab, der neuen Leidenschaft zu frönen, auch wenn der eine oder andere Knochen dabei zu Bruch ging.

 

Schnell kamen auch einige Eishockeyspieler hinzu, die damit die Gelegenheit nutzten, sich abseits der kalten Jahreszeit fitzuhalten. So konnten diese Spieler der Leidenschaft Hockey auch in den Sommermonaten nachgehen, nur eben nicht auf Kufen, sondern auf Rollen. Dieser Umstand trug dazu bei, dass sich die Randsportart Inlinehockey in der Folgezeit auch als fester Bestandteil der deutschen Sportlandschaft etablierte.

 

Kein Wunder, dass die Rüsselsheimer Hockeygemeinde immer größer wurde. Im Frühling 1996 trafen sich regelmäßig mehr als ein Dutzend Spieler am Sommerdamm, um dem Puck nachzujagen. Im April des gleichen Jahres trugen die Royals in der neu organisierten HRV-Hessenliga ihre Premieren-Spiele aus. Das erste RRSC-Team, das damals mit Spielern wie Krzysztof Bielski, Mario Viggiani oder Andreas Blank antrat, maß sich mit neun anderen Mannschaften aus dem Rhein-Main-Gebiet. So kreuzten Teams wie Tollwut Ebersgöns, der Mainprimaten-Vorgänger Frankfurt Skyliner oder die Neu-Isenburg Crows am Sommerdamm auf. Auch die ersten Spiele gegen Hanau, die bis weit in die 2000er Jahre hinein noch zu den Gegnern der Royals zählten, wurden zu diesem Zeitpunkt bereits ausgefochten. Meister wurden am Ende die Spieler aus der Brüder-Grimm-Stadt, die heute mit dem Beinamen Lobsters um Punkte kämpfen.

 

In den kommenden Jahren waren die Rüsselsheim Royals fester Bestandteil der Inlinehockey-Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet. 1997 schafften es die «Königlichen» erstmalig ins Halbfinale der Play-Offs, zogen im Duell mit dem späteren Meister aus Neu-Isenburg allerdings den Kürzeren und schieden aus. Erinnerungswürdig bleibt vor allem das erste Play-Off-Spiel 1997, als die Royals auswärts zu einem Achtungserfolg kamen und die Crows in der Verlängerung knapp mit 9:8 schlugen. Bert Klumpen erzielte damals den entscheidenden Treffer für Rüsselsheim. Am Ende wurden die Crows ihrer haushohen Favoritenrolle allerdings gerecht und beendeten den Rüsselsheimer Finaltraum. Beim Saisonabschluss gelang es den Opelstädtern, das Spiel um den dritten Platz gegen die Frankfurt Skyliner für sich zu entscheiden. Damit ging die Spielzeit 1997 erfolgreich zu Ende.

 

Ab ins Oberhaus

 

Der Hockey-Standort Rüsselsheim florierte in diesen Jahren. 1998 meldete der RRSC gleich zwei Teams für den Spielbetrieb an. Aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet gesellten sich Spieler hinzu. Die Teamfarben veränderten sich, auch das Logo wurde überarbeitet. Ein gekrönter Totenkopf zierte das Jersey, das in einem satten Türkis erstrahlte. In diesen Farben führte die Reise neben dem Alltag in der Hessenliga auch an entlegene Orte, beispielsweise nach Kiel, wo der RRSC nach einer schlaflosen Anreisenacht im Bus in einer Turnhalle eine satte 1:11-Pokalniederlage kassierte und wenige Stunden darauf mit viel Frust im Gepäck zurück in die Opelstadt fuhr.

 

Im Jahr 2000 wollten die Royals hoch hinaus, kämpften sogar in der ersten Bundesliga um Punkte, kehrten aber recht schnell wieder zurück in die IHL-Hessenliga. Im Jahr 2003 schaffte es Rüsselsheim in den Play-Offs wieder einmal bis ins Halbfinale. Der Traum, endlich ein Finale absolvieren zu dürfen, sollte jedoch erneut nicht in Erfüllung gehen.

 

Danach wurde es ruhig um die Truppe vom Sommerdamm. Das lag auch daran, dass die Mannschaft in dieser Phase den ersten größeren Umbruch ihrer noch jungen Vereinsgeschichte erlebte. Altgediente Spieler gingen von Bord. Eine neue Riege nahm deren verwaiste Plätze ein — und die vielen Zugänge brauchten natürlich eine Weile, bis sie sich zu einer Einheit formierten. Kein Wunder, dass es in dieser Phase die eine oder andere vernichtende Niederlage gab. Zu Beginn des Jahres 2004 standen nach den ersten drei Spielen null Punkte auf dem Konto — und das bei einem Torverhältnis von 9:83! Möglicherweise war dies die schwierigste Zeit in der Vereinsgeschichte. Schlussendlich verloren die Royals vierzehn Spiele in Folge. Eine rabenschwarze Serie, die an den Nerven zerrte.

 

Freunde auf Rollen

 

Das schreckte das damalige Team allerdings nicht davon ab, das Visier hochzuklappen und einfach weiterzumachen. Der Weg war steinig, Unmengen von Gegentoren pflasterten den Weg der Rüsselsheimer Hockeyspieler. Und doch hatte diese Zeit eine ganz spezielle Magie. Die Royals wuchsen zu einer festen Einheit zusammen, die auch abseits des Feldes gemeinsam unterwegs war und viele heitere Stunden verlebte, zu Hockeyturnieren fuhr oder sich oft am Platz zusammenfand, wenn es etwas zu Feiern gab. Mag sein, dass der auch heute noch allgegenwärtige Royals-Geist, der aus zweierlei Dingen besteht, nämlich aus Freund- und Kameradschaft, während dieser Phase geboren wurde. Spieler wie Andreas Vey, Sebastian Raab, Bernd Gollan oder Thorsten Michel, um nur einige davon zu nennen, haben diese Ära geprägt und damit dem gesamten Verein das gewisse Etwas verliehen.

 

Es sollten noch drei weitere Jahre ins Land ziehen, ehe sich die «Königlichen» erstmalig die Krone aufsetzten durften. Im Jahr 2007 war es endlich soweit: Am Ende der Spielzeit hielten die Royals erstmalig in der HIHL den Siegerpokal in den Händen. Kein anderes Team war in dieser Saison besser, als die Mannschaft mit dem Totenschädel auf der Brust. Gerade für die Haudegen im Team, allen voran wären da Krzysztof Bielski, Hendrik Fichtner und Andreas Blank zu nennen, war dieser Erfolg das Ende einer langen Reise, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwölf Jahre gegangen war. 2009 holten die Royals den nächsten Titel. Ein weiteres Mal lag die Mannschaft am Ende der HIHL-Saison ganz vorne.

 

Sechs glorreiche Halunken

 

Im Jahr 2013 kamen die Royals wieder zu Meisterehren— und das auf eine Art und Weise, über die auch in der Gegenwart noch an so manchem Abend im Vereinsheim geschmunzelt wird, wenn die Spieler über vergangene Duelle sinnieren. Im Finale der Landesliga hieß der Gegner Nordhessen Hornets. Die Zuschauer im Sportkomplex Baunatal staunten nicht schlecht, als das RRSC-Team das Feld betrat. Mit gerade einmal fünf Feldspielern und einem Torwart bestritten die Royals das Finale.

 

Dazu kam noch ein weiterer Malus: Einer der Rüsselsheimer Protagonisten hatte dummerweise seine Handschuhe vergessen, sodass bei jedem Wechsel ein Tausch vorgenommen werden musste. Zudem wurde während der Partie eine Spieldauer- plus eine Disziplinarstrafe gegen die Royals verhängt. Weil die Rüsselsheimer keinen Ersatzspieler mehr zu Verfügung hatten, um die Strafbank aufzufüllen, mussten sie dann fatalerweise auch noch zehn Minuten lang in Unterzahl agieren. Da war die Niederlage für den abgerissenen Haufen aus der Opelstadt eigentlich schon vorprogrammiert. Aber nicht mit den Royals: Die glorreichen Halunken schafften das Unmögliche und entschieden das Finale für sich. Am Ende gab es Standing Ovations vom Publikum — und der Siegerpokal wanderte nach Südhessen. Ein kurioser Erfolg, der in den Vereinschroniken einen festen Platz innehat. Im Jahr darauf schrammten die Royals haarscharf an der Titelverteidigung vorbei und wurden schlussendlich Vizemeister.

 

Danach wäre die RRSC-Geschichte beinahe zu Ende gegangen. 2015 herrschte großer Spielermangel in Rüsselsheim, was die Verantwortlichen dazu zwang, die Mannschaft vom Ligaspielbetrieb abzumelden. Da drohte dem Verein das endgültige Aus. Die aktuellen Spieler Tim Bornhausen und Benjamin Groß wendeten die drohende Katastrophe glücklicherweise ab. Sie formierten eine neue Mannschaft und meldeten die Truppe Anfang 2016 für die Landesliga, 2017 stieg das Team in die Oberliga auf. Im Jahr 2018 geht man neue Wege und startet in der Rhein-Main-Hobby-Liga.

 

Zurück im Ligaalltag

 

Damit sind die Royals auch nach mehr als zwanzig Jahren ein fester Bestandteil der hessischen Hockeyszene. Wie sagte Keeper Stefan D’Anna einst noch so schön? «Einmal Royal, immer Royal». Ein Leitsatz, der mindestens zehn Jahre alt ist, aber immer noch für den Zusammenhalt der Spieler steht, die am Rüsselsheimer Sommerdamm der Hockeyscheibe nachjagen. Ein Royal zu sein, geht noch immer unter die Haut, wie die Wade des aktuellen Teamkapitäns Janik Schwedler eindrucksvoll demonstriert. Seit einiger Zeit prangt darauf eine Abwandlung des Royals-Logos.