Das Wunderkind Bernd

Rüsselsheim Royals
Bernd Gollan, die Lichtgestalt im Rüsselsheimer Gehäuse.

Bernd Gollan zählt mit Sicherheit zu den schillerndsten Persönlichkeiten, die jemals am Rüsselsheimer Sommerdamm aufgekreuzt sind. Damals, Mitte des Jahres 2003, ging sein Stern auf. Nicht irgendwie, sondern mit einem Paukenschlag.

 

Anfangs als Zeitnehmer eingesetzt, spürte er recht schnell, dass das noch nicht alles sein konnte. Schließlich sah er den Royals Woche für Woche beim Training zu und stellte sich dabei die Frage, ob es im RRSC-Kader nicht auch einen Platz für ihn geben könnte. Nach reiflicher Überlegung entschied er sich dazu, es einmal als Torhüter zu versuchen und bot Spielertrainer Krzysztof Bielski seine Dienste an. Der reagierte zunächst verblüfft, begrüßte die Entscheidung jedoch zugleich, da er sich gerade mit einem Torhüterproblem konfrontiert sah. Lilian Holz, die normalerweise das Tor hütete, stand aufgrund privater Verpflichtungen nicht mehr zur Verfügung — und das mitten in der Saison. Anders formuliert: Bielski war zu diesem Zeitpunkt der Verzweiflung nahe und hatte ohnehin keine andere Wahl, als Gollan eine Chance zu geben.

 

So wurde der Mann, der normalerweise als rechte Hand des Schiedsrichters fungierte, dabei akribisch den Spielberichtsbogen ausfüllte, Strafzeiten stoppte und neue Pucks auf das Spielfeld warf, innerhalb weniger Tage in den Kasten befördert — und das alles rund zwei Wochen vor einem schweren Heimspiel gegen die Assenheim Patriots, in welchem die Royals, die nach einer Umstrukturierungsphase knietief im Abstiegskampf steckten, praktisch dazu verdammt waren, etwas Zählbares mitzunehmen.

 

Die Zeit war sein erster Gegner

 

Da musste man natürlich nicht von Aristoteles unterrichtet worden sein, um sofort zu erkennen, dass eine knüppelharte Aufgabe vor allen Beteiligten lag. Manch einer sprach sogar von einem Himmelfahrtskommando. Binnen zweier Wochen musste der passionierte Angler fit für die Partie gemacht werden. Sein größter Gegner war die Zeit — und das setzte den »Perspektiv-Torhüter« natürlich extrem unter Druck.

 

Gollans erste Gehversuche sahen schon ein wenig kurios aus. Schließlich verfügte er über keinerlei Erfahrung, hatte konditionelle Defizite und wusste nicht so recht, was er mit Stock und Fanghand anstellen sollte. So zahlte er zu Beginn verständlicherweise viel Lehrgeld. Da verfluchte er das eine oder andere Mal den Tag, an dem er seinen komfortablen Stuhl auf der Zeitnehmerbank gegen den mitunter schweißtreibenden Platz zwischen den Pfosten eingetauscht hatte.

 

Doch Berndster, wie ihn seine Teamkollegen riefen, biss die Zähne zusammen, bis es knirschte. Mit vereinten Kräften versuchte man, den Rookie für die kommende Aufgabe fitzumachen. Egal ob Schlagschüsse, Bauerntricks, Dribblings oder Stellungsspiel: Mit nahezu allen spielerischen Raffinessen wurde der damals 21 Jahre alte Spieler konfrontiert. Ermüdende Einzeltrainings wurden abseits der offiziellen Termine abgehalten. Seine Teamkollegen legten sich mächtig ins Zeug, um Gollan auf sein erstes Spiel vorzubereiten. Schnell stand fest, dass ein gewisses Potenzial zweifellos vorhanden war. Ob es jedoch schon für ein Ligaspiel reichen würde, konnte niemand so genau abschätzen. Da wurde hinter vorgehaltener Hand um die Wette gezweifelt. Das spielte jedoch keine Rolle. Schließlich waren die Würfel längst gefallen. Als Alternative zu Gollan stand lediglich eine leere Bierkiste zur Verfügung.

 

Und so kam es, wie es kommen musste: Gollan lief gegen die Patriots auf — und der damals sichtlich nervöse Schlussmann lieferte bei seiner Premiere eine ordentliche Leistung ab. »Lächerliche« elf Gegentreffer kassierte er bei seinem Debüt. Erst in der Verlängerung fiel das entscheidende Tor, welches die Royals schlussendlich mit 11:12 auf die Verliererstraße brachte. Damit hatte er seinem Team immerhin einen Punkt festgehalten. Drei weitere Partien durfte Gollan im Jahr 2003 absolvieren, ehe die Spielzeit vorüber war und sich das Team in die Winterpause verabschiedete.

 

Von diesem Zeitpunkt an war Berndster endgültig im Rüsselsheimer Team angekommen. In der Spielzeit 2004 wechselte er sich mit Christian Lindemann zwischen den Pfosten ab. Insgesamt hütete er in diesem Jahr elfmal den Rüsselsheimer Kasten. Später war er eine Zeitlang die unangefochtene Nummer Eins. Gollan sollte den Royals noch viele Jahre erhalten bleiben. Egal wohin die Reise ging, ob in die Wetterau oder zu irgendeinem Hockeyturnier in die Republik. Die Nummer 69 gehörte immer zum Tross.

 

Paradiesvogel der Extraklasse

 

Mit seinem kahlrasierten Kopf, der von geflochtenen Zöpfen gekrönt wurde und einem extravaganten Kleidungsstil, war er stets ein Hingucker, wenn der RRSC irgendwo auf der Bildfläche erschien. Einer mit Wiedererkennungswert eben. Hockey-Torhütern wird traditionell eine gewisse Verrücktheit nachgesagt, was zweifellos auch auf Gollan zutrifft, den man getrost als Paradiesvogel bezeichnen kann. Einer, mit dem man Pferdestehlen, aber auch ganze Nächte lang auf der Couch über die wichtigsten Dinge im Leben fabulieren konnte. Da ist es natürlich nicht verwunderlich, dass sich der geborene Punkrocker im Kreise seiner Teamkollegen einen der vorderen Plätze in der Beliebtheitsskala sicherte. Das lag vor allem daran, dass der Sommerdamm in dieser Phase seines Lebens zu einer Art Wohnzimmer avancierte. Eine Art heiliger Schrein, zu dem er immer gerne wieder zurückkehrte. Lange Nächte, unterlegt von Gitarrenmusik und dem Duft des Grillfleischs, zu denen er nicht selten seinen Schlafsack mitbrachte, waren da keine Seltenheit. Auch vor Reparaturen schreckte er nicht zurück. Oft griff er daher in die Werkzeugkiste, wenn irgendetwas wieder instand gesetzt werden musste. Als er einmal gefragt wurde, welche Sehenswürdigkeiten er einem Freund zeigen würde, der noch nie zuvor in Rüsselsheim gewesen ist, sagte er ganz unverblümt, dass er ihn zunächst einmal mit zum Vereinsheim nehmen würde. Die Royals waren für ihn immer etwas Besonderes. Eine Art Lebensphilosophie.

 

Ein Jungspund und ein kurioses Eigentor

 

Vielleicht gingen ihm diese Gedanken durch den Kopf, als er den damals 16 Jahre alten Janik Schwedler, der heute das Kapitänsamt innehat, mit an den Hockeyplatz brachte. Es dauerte nämlich nicht lange, bis das Royals-Fieber in dem damals noch ziemlich unbedarften Nachwuchsspieler zu lodern begann. »Im Prinzip ist er mein Entdecker. Berndster hat mich mit dem Hockeyvirus angesteckt, mir die erste Ausrüstung organisiert, mich in das Team integriert und meine ersten Gehversuche begleitet«, erinnert sich der Stürmer zurück. Gollans ehemaliger Mitspieler Stefan Swoboda denkt ebenfalls gerne an den verrückten Torhüter: »Schon stark, wie schnell er sich zwischen den Pfosten etabliert hat. Ohne ihn hätten wir damals richtig dumm dagestanden. Auch abseits des Platzes war er immer einer, den man gerne um sich hatte. Einer, der das Leben nicht so schwer nahm und sich für keine Verrücktheit zu schade war«, sagt der ehemalige Weggefährte. Verteidiger Hendrik Fichtner fällt eine lustige Anekdote ein: »Bully in Langen. Ich fahre in den Mittelkreis, gewinne das Anspiel und sehe im nächsten Augenblick, wie der Puck Berndster durch die Hosenträger rutscht und ich damit ein Eigentor erzielt hatte. Im ersten Augenblick war ich richtig wütend. Nach unserer Rückkehr an den Sommerdamm konnten wir allerdings schon wieder über die Szene lachen.«

 

Was mit so viel Schweiß begann, fand im Jahr 2007 mit der ersten Rüsselsheimer Meisterschaft den ultimativen Höhepunkt. Natürlich war Berndster dabei mit von der Partie. Vor einigen Jahren hat Gollan den Torwartschläger in die Ecke gestellt. Seitdem wurde er nur noch selten am Sommerdamm gesichtet. Doch die wundersame Geschichte, die von seiner Entdeckung berichtet, bleibt einer der vielen RRSC-Momente, für welche der Verein seine eigene Ruhmeshalle auf der Internetpräsenz eingerichtet hat — und da wäre es natürlich ein Sakrileg, wenn dem idealistischen Keeper, der so vieles für den RRSC geleistet hat, nicht der entsprechende Respekt gezollt würde. Schließlich hat Gollan eine komplette Spielergeneration mitgeprägt. (swo)


Bildergalerie Berndster Gollan


Kommentar schreiben

Kommentare: 0