Lebende Legende

Hendrik Fichtner gehört zu den Rüsselsheim Royals, wie der Hockeyschläger zur Scheibe. Seit 1999 ist er am Sommerdamm mit von der Partie — und hat sich seitdem zu einem absoluten Führungsspieler und Vorbild gemausert.

Hendrik Fichtner Rüsselsheim Royals
Einer der größten Rüsselsheimer Spieler der Vereinsgeschichte: Verteidiger Hendrik Fichtner

 

»Leg dich nie, niemals mit Hendrik Fichtner an!« Diesen Ratschlag sollte jeder Spieler beherzigen, der zum ersten Mal an den Sommerdamm kommt. Schließlich ist der glühende Mönchengladbach-Fan nicht weniger als der beste Verteidiger der Vereinsgeschichte. Das würde die Nummer 56 sicherlich niemals zugeben — und doch ist es schlichtweg die Wahrheit.

 

»Henne« zählt mittlerweile zu den dienstältesten Spielern im Mannschaftskader. Kaum vorstellbar, wie lange der 1979 geborene Defensiv-Spezialist bereits dabei ist. Als er zum ersten Mal für die Royals auflief, bereitete sich die Welt gerade auf den Jahrtausendwechsel vor. 1999 stand das Millennium vor der Tür — und in Rüsselsheim begann ein junger Inlinehockeyspieler an seiner eigenen Vereinslegende zu schmieden. Seitdem sind viele Pucks am Sommerdamm in den Büschen verschwunden, zahlreiche Punkte verteilt worden und jede Menge Schläger zu Bruch gegangen. Aus dem jugendlichen Fichtner ist mittlerweile ein routinierter Akteur geworden. Ein Spieler, der das Team trägt, der seinen Mannschaftskollegen mit Rat und Tat zur Seite steht und der einen beinahe schon unverzichtbaren Wert für die aktuelle Rüsselsheimer Truppe hat.

 

Danke Daddy!

 

Da ist es natürlich selbstverständlich, dass ihm große Wertschätzung entgegengebracht wird. Janik Schwedler, der sich im Jahr 2008 mit zarten 15 Jahren den Royals anschloss, bezeichnet Fichtner noch heute als Hockey-Ziehvater. Mittlerweile zählt Schwedler zu den Säulen der Mannschaft, was selbstverständlich der Tatsache geschuldet ist, dass »Henne« den Teenager sofort unter seine Fittiche nahm und damit die Entwicklung des heutigen Kapitäns erheblich förderte. Da passt es gut ins Bild, dass Milan Nosek einst über ihn sagte, dass er ein Spieler sei, der die anderen besser macht. Das bestätigt auch Schwedler: »Er ist der wichtigste Spieler, auf und abseits des Platzes! Dass er mich damals zur Seite nahm und mir den Sport näher brachte, kann ich ihm niemals gerecht danken, aber es ist mehr als eine Ehre für mich mit so einem phänomenalen Menschen auf dem Platz zu stehen. Alles was ich auf dem Spielfeld kann und über den Sport weiß, habe ich von ihm! Danke für alles Daddy!«, sagt der heute 23 Jahre alte Schwedler voller Ehrfurcht über Fichtner. Da bekommt man fast eine Gänsehaut.

 

Wer »Arie«, wie sein zweiter Spitzname in Anlehnung an den Gladbacher Stürmer van Lent lautet, ein bisschen näher kennt, weiß sofort, dass ihm diese Art von Lobpreisungsartikel überhaupt nicht schmeckt. »Mir macht es grundsätzlich Spaß, mit den Jungs auf dem Platz zu stehen und auch die Entwicklung, gerade von den jüngeren Leuten, über die Jahre hinweg mitzuerleben», erklärt er bescheiden. Man merkt sofort, dass Fichtner nicht gerne im Vordergrund steht. Dafür ist schließlich das Spielfeld da — und dort hat er stets ein gewaltiges Wörtchen mitzureden, wenn es darum geht, wichtige Punkte einzufahren.

 

Antizipation ist Trumpf

 

Es ist gar nicht so einfach, seine Stärken zu beschreiben, ohne dabei in Jubelstürme auszubrechen. Schließlich sind bei ihm praktisch keine erkennbaren Schwächen vorhanden. Vermutlich ist sein größter Trumpf die Fähigkeit zur Antizipation. Egal, was der Gegner vorhat, der RRSC-Verteidiger scheint es schon ein paar Augenblicke vorher zu wissen, was ihn gleichzeitig dazu befähigt, früh genug geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten, um seine Kontrahenten am Abschluss zu hindern. Bei ihm nimmt diese Eigenschaft regelmäßig unheimliche Züge an. Faszinierend, dass er dabei stets mit fairen Mitteln agiert. Fouls sind überhaupt nicht sein Ding. Die Strafbank sieht Fichtner nur selten. Vermutlich kennt er noch nicht einmal den Weg zu diesem Bereich des Spielfeldes. Getrost darf man ihn daher als Gentleman bezeichnen.

 

Aber das sind noch längst nicht alle Fähigkeiten, die er sich in seiner langen Hockey-Karriere im Rhein-Main-Gebiet angeeignet hat. Auch in der Offensive ist Fichtner eine Waffe. Er verfügt über einen knallharten und präzisen Schlagschuss, der schon so manchen gegnerischen Torhüter zur Verzweiflung gebracht hat. Steht er frei, ist ein Pass zu ihm praktisch Pflicht. Die Chancen stehen in solchen Augenblicken gut, dass der Puck nur wenige Sekunden später im Netz zappelt. Der Rest ist eine Mischung aus Stellungsspiel, überragenden läuferischen Fähigkeiten und der Motivation, sich stets verbessern zu wollen. Besonders wichtig für das Team ist auch seine unaufgeregte Art. Passt ihm etwas nicht in den Kram, spricht er es in ruhigem Tonfall sachlich an. Tobend wird man den Linksschützen auf der Spielerbank nicht mehr erleben. Für ihn ist das keine Option. Der Rumpelstilzchen-Faktor tendiert bei ihm gegen Null. Solche Verhaltensmuster nerven ihn kolossal. Da zieht er es eher vor, den Platz frühzeitig zu verlassen, als sich in ermüdenden Diskussionen aufzureiben. Vermutlich hat sein Wort auch daher so viel Gewicht. Ihm hört jeder Mitspieler aufmerksam zu, wenn er etwas zu sagen hat.  

Spätestens jetzt dürften ihm die vielen Superlative in diesem Text Bauchschmerzen bereiten. Da muss er aber durch. Schließlich hat er sich nach all den Jahren im Royals-Trikot ein bisschen Aufmerksamkeit verdient.

 

Date mit Campino

 

Welche Dinge verbindet man sonst noch mit Hendrik Fichtner? Alteingesessenen Spielern fallen vor allem die Zeiten ein, in denen der Hockeyplatz für einige Leute eine Art zweites Zuhause darstellte. Mitte der 2000er Jahre war der Sommerdamm auch abseits der Trainingszeiten rege frequentiert.

 

Schnell avancierte das Vereinsgelände zum ultimativen Sommertreffpunkt der Mannschaft. Da wurde gemeinsam auf dem Platz gezockt, wenig später gegrillt und das eine oder andere Bierchen getrunken. Das schweißte zusammen — und legte den Grundstein für den noch heute omnipräsenten Royals-Geist, der auch von der aktuellen Truppe gelebt wird.


Fichtners Fotoalbum



Schon damals fiel Fichtner dabei eine große Rolle zu. Oft mutierte er in dieser Zeit zum Party-Löwen. Legte jemand eine CD der Toten Hosen ein, konnte man ihn regelrecht ausrasten sehen.  »Das war schon sehr witzig. Wenn Campino zu singen begann, war Fichtner im Paradies. Ich glaube, sein Lieblingslied war der Song »Auswärtsspiel«. Da musste man schon Angst haben, dass er das Vereinsheim zerlegt. Wahrscheinlich ist er der größte Hosen-Fan auf diesem Planet«, erinnert sich Stefan Swoboda an die tänzerischen Darbietungen seines Teamkollegen.

 

Heute, als betagter Veteran, lässt er es natürlich ein bisschen ruhiger angehen, wenn die Mannschaft feiert. Da ist er eher ein Beobachter, der die Szenerie mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht betrachtet. Im stillen Kämmerlein dürfte er aber das eine oder andere Mal noch diese Nächte vor Augen haben und sich daran erinnern, wie das Gelächter seiner Freunde über den Platz hallte. Schließlich ist das ein Teil seines Lebens.

 

Ruheloser Typ

 

Stillstand kennt Fichtner nicht. Dafür ist er von Natur aus einfach zu ruhelos. Daher frönt er auch in den Wintermonaten der Leidenschaft Hockey und jagt auf dem Eis mit großem Elan der Scheibe hinterher. Häufig trifft man ihn auch bei Heim- und Auswärtsspielen der Frankfurter Löwen an, wo er auch im Aufbauteam aktiv ist. Sein Lieblingsverein ist übrigens die Düsseldorfer EG. Für diesen Club nimmt er es auch einmal in Kauf, an irgendeinem Sonntagabend quer durch die Republik zu touren, um die DEG anzufeuern. Hockey ist einfach sein Lebens-Elixier.

 

Und so geht sie zu Ende, die kleine Reise durch Fichtners Hockeyleben. Zeit, für ein paar weitere Superlative ist aber noch vorhanden. »Arie« zählt zu den größten Persönlichkeiten, die jemals am Rüsselsheimer Hockeyplatz aufgekreuzt sind. Ein Musterbeispiel an Sportsgeist, Ehrgeiz und Teamfähigkeit. Einer, der frei von Arroganz ist und immer da hilft, wo er gebraucht wird, sei es bei schweißtreibenden Renovierungsarbeiten am Platz oder im Gespräch mit einem Kollegen, der irgendein Problem hat. Fichtner hat immer ein offenes Ohr. All das macht ihn zu dem, was er heute ist: Einer Rüsselsheimer Legende.

 

So wird er, wenn er irgendwann einmal in hoffentlich noch ferner Zukunft die Skates an den Nagel hängt, in Erinnerung bleiben. Aber davon ist Hendrik Fichtner glücklicherweise noch weit entfernt.

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Kommentare: 1
  • #1

    Henne-Fan aus München (Donnerstag, 28 Juli 2016 15:43)

    Sicherlich einer der besten Hockeyspieler auf diesen Planeten. Er hätte bei den Adlern oder Haien ganz groß rauskommen können.

    Danke Henne!