Das Schlitzohr

Andreas Vey kam im Alter von zwanzig Jahren zu den Rüsselsheim Royals. Schnell wurde er zu einem festen Bestandteil des Teams und entwickelte sich zu einem der besten Spieler der Vereinsgeschichte. Ein Bericht über eine Rüsselsheimer Gallionsfigur.


Vor ein paar Tagen schaute er mal wieder beim Training vorbei. Leider schafft er es nicht mehr regelmäßig an den Sommerdamm. Ein Familienvater hat eben Verpflichtungen. Eine kurze Begrüßung, danach in die Umkleidekabine, raus auf den Platz, ran an den Puck und ab Richtung Tor. Ein prüfender Blick, eine Körpertäuschung, nur einen Herzschlag später zappelt die Scheibe im Netz. Einfach so, wie er es schon viele hunderte Male gemacht hat. So ist er eben, dieser Andreas Vey, den manch ein Teamkollege voller Ehrfurcht «Superstar» nennt, während sich die Mehrheit auf den Spitznamen »MC« verständigt hat.

 

Man muss schon tief im RRSC-Archiv graben, um herauszufinden, wann Andreas Veys Stern am Sommerdamm aufging. Im Jahr 2000 schloss er sich den Royals an — und brachte noch seinen älteren Bruder Stefan mit, der fortan in der Rüsselsheimer Abwehr spielte. Damals war Vey noch ziemlich grün hinter den Ohren, zumindest hockeytechnisch. Ein Frischling, der seine ersten Gehversuche in einem Hockeyclub machte. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, sich rasend schnell zu entwickeln. Schließlich mangelte es ihm nicht an Ehrgeiz, an Talent schon gar nicht. Vey strebte stets danach, sich zu verbessern. Er sog alles auf, schaute sich die Kniffe seiner Kollegen ab und interpretierte sie auf seine eigene Weise. Kein Wunder, dass er in den kommenden Jahren so manch einen etablierten Rüsselsheimer Spieler überholte oder gar in den Schatten stellte. So nahm Veys persönliche Erfolgsgeschichte ihren Lauf.

 

Lob vom Kapitän

 

Für ihn ging es in der Folgezeit steil bergauf. Auch überregional erregte er Aufmerksamkeit. 2002 wurde er sogar in die Nationalmannschaft berufen und lief in England an der Seite von Hendrik Fichtner mit dem Bundesadler auf der Brust auf. Am Sommerdamm zählte er spätestens zu diesem Zeitpunkt zu den wichtigsten Säulen des Vereins. Jahrelang war er fester Bestandteil der ersten Rüsselsheimer Angriffsformation, stand bei Über- und Unterzahl auf dem Feld und war zeitweise auch Mannschaftskapitän — und ist auch jetzt noch ein gern gesehener Trainingsgast.

 

Janik Schwedler, der aktuell das »C« auf der Brust trägt, lobt die ehemalige Nummer 91 in den höchsten Tönen. »Vey ist ein Stürmer, der genau weiß, wo er seinen Schläger positionieren muss. Ich kenne keinen anderen Royals-Spieler, der den Puck geschickter ins Tor lenken kann. Auch heute, nach einer langen Pause, fällt er noch durch seine Technik auf und ist immer für ein paar Tore gut. Ich bin froh, ihn wieder an Bord zu haben. Menschlich ist er der absolute Kracher, früher wie heute.« Das sieht auch Johannes Roßnagel so: »Ohne ihn wäre die Mannschaft heute sicher nicht da wo sie steht. Er war und ist eine wichtige Säule des Teams, an der sich die jüngeren Spieler immer orientieren konnten«, sagt der Stürmer über seinen alten Weggefährten. Lob gibt es auch vom vielleicht besten Royals-Akteur der aktuellen Zeit: »Wenn Vey auf dem Platz steht, reicht es schon, den Puck von der Mittellinie nach vorne zu passen. Er macht die Bude dann schon irgendwie«, erklärt Stürmer Tim Bornhausen und kann sich dabei ein Grinsen nicht verkneifen.

 

Generation Platz

 

Man merkt sofort, dass da große Sympathie mitschwingt. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich war Vey auch neben dem Platz stets ein wichtiger Bestandteil des Teams. Seine Grillpartys, zu denen er oft das gesamte Team zu sich nachhause einlud, waren legendär. Auch zu gemeinsamen Konzert- und Festival-Besuchen, Ausflügen zu Fußball- oder Eishockeyspielen brachen er und einige Spieler der Rüsselsheim Royals häufig auf. Stand kein Ausflug auf dem Programm, führte ihn sein Weg an den Wochenenden zum Trainingsplatz, wo in dieser Zeit häufig gemeinsame Treffen stattfanden, die sich bis spät in die Nacht hinziehen konnten und manchmal auch dazu führten, dass einige Spieler im Vereinsheim übernachteten. Auch Vey verbrachte viele Nächte zwischen Unmengen an Hockey-Equipment auf einer Iso-Matte. Das ist ein wichtiger Bestandteil seiner Royals-Geschichte. Er war Teil der »Generation Platz«, der Rüsselsheimer Antwort auf eine bekannte VW-Werbekampagne. Unter dem Strich wird es wohl so ziemlich jeder RRSC-Spieler unterschreiben, wenn man folgende Worte über Vey sagt: Er ist ein Typ zum Pferdestehlen, der stets ein Lächeln auf den Lippen hat und das Leben in vollen Zügen und mit großer Begeisterungsfähigkeit genießt.

 

Schwerer Rückschlag

 

Mit genau dieser Begeisterung agierte er auch damals auf dem Spielfeld. Rückschläge konnten seinen Tatendrang nicht ausbremsen. Mitte der 2000er Jahre zog er sich einen komplizierten Schlüsselbeinbruch zu. Ein Jahr später kugelte er sich die Schulter aus. Für die komplette Mannschaft waren das regelrechte Hiobsbotschaften. Da befürchtete manch einer, dass die Formkurve des Stürmers nach seiner Genesung nach unten zeigen würde. »MC« warf die Verletzung glücklicherweise nicht aus der Bahn. Tatsächlich kam er wiedererstarkt zurück und machte in der Folgezeit noch einmal einen großen Schritt nach vorne.

 

In seiner besten Phase zählte er in jeder Saison zu den verlässlichsten RRSC-Scorern, verfügte über einen präzisen Handgelenksschuss, war pfeilschnell und mit einer großartigen Spielübersicht gesegnet. Zudem besaß er ein großes Kämpferherz und schreckte nie davor zurück, die Drecksarbeit zu übernehmen, sei es in aufreibenden Zweikämpfen an der Bande oder unmittelbar vor dem Torhüter im Slot. Er ordnete alles dem Erfolg der Mannschaft unter, so wie es ein Führungsspieler eben macht, wenn es brenzlig wird. Was konnte er eigentlich am besten? »Seine tödlichste Waffe ist sicherlich der gnadenlose Tip-in direkt vor dem gegnerischen Tor. Damit trifft er aus allen Lagen. Zudem bediente er seine Mitspieler regelmäßig mit Traumpässen«, erinnert sich Roßnagel.

 

Den ultimativen Höhepunkt erreichte Vey im Alter von 27 Jahren: Zwischen 2007 und 2010 feierte er mit dem RRSC zwei Meisterschaften. Zudem wurden die Royals noch zweimal Vizemeister. Das war die erfolgreichste Zeit in der Vereinsgeschichte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Opelstädter dieses Ziel erreichten, als Andreas Vey sich auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit befand. Das galt übrigens auch für jene Leute, mit denen er schon als Teenager auf der Straße Hockey spielte, ehe es die Gruppe wie bereits erwähnt im Millennium-Jahr an den Sommerdamm verschlug. An seiner Seite befanden sich mit Holger Steuerwald, Thorsten Michel und Sebastian Raab gleich mehrere Akteure, die sich ebenfalls von Jahr zu Jahr kontinuierlich gesteigert hatten und schlussendlich den Lohn für die jahrelange Arbeit in Empfang nehmen durften.

 

Alte Besen kehren gut

 

Und wie ist er heute drauf? Ganz einfach: Auch im fortgeschrittenen Alter hat er kaum etwas von seiner alten Stärke eingebüßt. Zum alten Eisen gehört er noch lange nicht. Wenn Vey die Inlineskates schnürt, lässt er es noch immer richtig krachen. »Ein absolutes Schlitzohr. Es macht einfach Spaß, ihm auf dem Feld zuzusehen. Ich habe lange mit ihm zusammengespielt und schätze ihn sehr«, meint Teamkollege Stefan Swoboda, der an der Seite Veys so manche Hockeyschlacht geschlagen hat. Und wer weiß, möglicherweise profitieren heute die jüngeren Spieler von seiner bloßen Anwesenheit, schauen sich seine Kniffe und Tricks ab, so wie er es selbst vor so vielen Jahren getan hat. Das dürfte ihm eine große Freude bereiten.

 

Der RRSC hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele Spieler kommen und gehen sehen. Manche hinterließen Spuren, andere verschwanden sang- und klanglos. Vey dagegen hat gewaltige Fußstapfen hinterlassen — und viele Spieler der aktuellen Mannschaft würden sich freuen, wenn er wieder regelmäßig die Zeit finden würde, am Sommerdamm dem Puck nachzujagen. Schließlich kann er immer noch den Unterschied ausmachen. Das wird er in diesem Leben auch nicht mehr verlernen.

 

Für die Royals wird der Abfälscher-König immer ein Aushängeschild bleiben. Einer, zu dem man aufsehen kann. Ein mannschaftsdienlicher und effektiver Spieler, der immer großen Wert auf Fair-Play legte, keine Neider kannte und auch in der Niederlage Größe zeigte. Das ist eben seine Art. Davor kann man nur den Hut ziehen.


Bilder einer Royals-Legende


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