Royals-Kolumne: Immer noch gerne dabei

Stefan Swoboda, ein Vertreter der alten Rüsselsheimer Garde.
Stefan Swoboda, ein Vertreter der alten Rüsselsheimer Garde.

Stefan Swoboda gehört zur alten Rüsselsheimer Garde. Nach einer längeren Pause wagt er sich jetzt noch einmal auf das Feld. In unserer Kolumne erzählt er, warum er sich das im fortgeschrittenen Alter von 36 Jahren wieder antut. Dabei vergisst er nicht zu erwähnen, dass die Royals für ihn ein ganz besonderer Verein sind.

 

Vor ein paar Wochen wurde ich gefragt, warum ich im «fortgeschrittenen» Alter wieder die Inlineskates schnüre, um nach einer Pause von rund fünf Jahren in Rüsselsheim dem Puck hinterherzujagen. Sehr riskant sei das, wurde mir da bedeutungsschwanger erklärt. «Gerade auch, weil dein rechtes Knie durch die beiden Kreuzbandrisse so lädiert ist», musste ich mir da anhören.  «Ach was. Erzählt mir mal was Neues», flüsterte meine innere Stimme in diesem Augenblick. Die Antwort auf diese Frage gab mir allerdings kein allzu großes Rätsel auf. Tatsächlich ist sie ganz einfach – und beginnt mit einer Aussage, die ich vor etlichen Jahren einmal auf dem Hockeyplatz aufgeschnappt habe.

 

Einmal Royal, immer Royal! Das ist ein Leitspruch, der mittlerweile schon eine kleine Ewigkeit lang beschreibt, wie es sich anfühlt, Teil einer Rüsselsheimer Hockeymannschaft zu sein. Natürlich ist das keine Lebensphilosophie, die sich auf den Alltag anwenden lässt. Läuft man jedoch durch den Eingangsbereich zur Heimspielstätte am Sommerdamm, spürt man sofort, dass es sich bei dieser Aussage nicht einfach nur um eine Plattitüde handelt.

 

Unter dem Dach des Rüsselsheimer Roll- und Schlittschuh-Clubs, der im Jahr 2016 bereits sein 55-Jähriges Bestehen feiert, weht ein ganz besonderer Wind. Das war schon immer so — ob vor so vielen Jahren in der Rollkunstlauf-Abteilung und bei den Eisstockschützen, oder später unter den Inlinehockey-Spielern, die Mitte der 1990er Jahre das Ruder übernahmen und mittlerweile die letzte Abteilung darstellen, die die Vereinsfahnen hochhält. Solange es eine Mannschaft gibt, die mit dem gekrönten Totenkopf auf der Brust auf Torejagd geht, wird das vermutlich auch so bleiben.

 

Generationen von Spielern haben dieses Gefühl bereits kennengelernt: Vor jedem Training oder Spieltag spürt man die Vorfreude, schaut immer wieder auf die Uhr, bis es endlich an der Zeit ist, die Arbeit niederzulegen. So ein bisschen fühlt es sich so an, wenn man sich kurz darauf auf den Weg nach Rüsselsheim macht, als würde man nachhause fahren. Schließlich wartet die Hockeyfamilie bereits, wahlweise mit einem Schläger oder Abzieh-Utensilien in der Hand, wenn der Platz nach einem Regenerguss vor Nässe glänzt.

 

Auf der Speisekarte steht stets der gleiche Klassiker — eine ordentliche Portion Inlinehockey, die mit einem großzügigen Schuss Leichtigkeit und Unbeschwertheit gewürzt ist. Die Rufe der Spieler hallen über den Platz, Schläger gehen zu Bruch, während etliche Pucks in die Bande krachen. Das hört man hunderte Meter weit. Klänge, die ich lieb gewonnen und in den letzten Jahren doch sehr vermisst habe. Gehen die Flutlichter dann irgendwann aus, wird das Dinner mit einem erlesenen Dessert abgerundet, das zumeist aus einem eiskalten Bierchen besteht, das nirgendwo besser schmeckt, als nach einer schweißtreibenden Trainingseinheit am Sommerdamm. Dann spendiert König Hockey die eine oder andere Runde, während der Abend in lockerer Atmosphäre bei zahlreichen Gesprächen oder einer Partie Tischfußball gemütlich ausklingt. Freunde machen das eben so, wenn sie irgendwo gemeinsam unterwegs sind.

 

Ich habe seit 1997 bis auf wenige Ausnahmen in Rüsselsheim Hockey gespielt, sofern ich nicht zu irgendeiner verletzungsbedingten Auszeit gezwungen wurde. Das ist schon eine verdammt lange Zeit — und doch fühlt es sich noch heute so gut wie am ersten Tag an, mit den Jungs den Schläger zu kreuzen, auch wenn ich kaum noch hinterher komme und nach dem Training fix und fertig bin. Aber das spielt lediglich eine untergeordnete Rolle. Für mich zählt eher der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles! Das ist ein Spruch, der schon ein wenig abgenutzt erscheint, aber was soll man schon sagen, wenn man gegen Leute spielt, die zum Teil noch Windeln trugen, als man bereits das Rüsselsheimer Trikot überstreifte und in irgendeiner hessischen Liga um Punkte kämpfte. Damals, als es noch Holzschläger und keine langen Überziehhosen gab, keine ordentliche Bande am Platz vorhanden war und sich die Mannschaft noch im Keller umziehen musste. Da fühlt man sich fast wie ein Dinosaurier, eben wie einer aus einer anderen Zeit.

 

Einmal Royal, immer Royal. Dieses Motto trug so ziemlich jede RRSC-Mannschaft im Herzen. Jeder Neuzugang bekam eine ordentliche Prise davon ab. Das war auch bei mir der Fall. Es hat gewirkt. Sportlich habe ich mich nirgendwo wohler gefühlt, als unter dem Dach des RRSC. Ich sah viele Spieler kommen und gehen, bejubelte tolle Siege und erlebte so manch eine bittere Niederlage. Egal was geschah, es war mir immer eine Ehre, die Krone auf der Brust zu tragen. Da gibt es so viele Geschichten, die man an dieser Stelle erzählen könnte, aber das würde vermutlich den Rahmen sprengen.

 

Umso erfreulicher, dass das alles immer wieder präsent wird, wenn ich an den Sommerdamm zurückkehre. Manchmal, wenn ich auf dem Platz stehe, erinnere mich an meine alten Mannschaftskameraden. Da denke ich an Spieler wie Krzysztof Bielski und seine Taktiktafel, an die Streitigkeiten mit meinem Sturmpartner Mario Viggiani, Andi Blanks technische Raffinessen, Sebastian Raabs Schlenzer oder Thorsten Michels Einsatz für den Verein, um nur einige der Protagonisten zu nennen, die ich in all diesen Jahren kennenlernen durfte. Gallionsfiguren, die den Verein mit großer Hingabe geprägt und den speziellen Royals-Geist begründet haben, egal ob im schwarz-weißen Trikot oder im heute gängigen blauen Jersey. Wir konnten uns aufeinander verlassen, waren mehr als eine Ansammlung von Spielern, die zufälligerweise im gleichen Verein agierten. Umso schöner, dass auch heute noch ein paar alte Haudegen mit von der Partie sind, beispielweise Hendrik Fichtner, Sebastian Löw, Andreas Vey oder Harald Krekeler.

 

Das ist schon ein tolles Gefühl, das auch dadurch bestärkt wird, dass sich der RRSC noch vor kurzer Zeit in einer erheblichen Schieflage befand. 2015 hing alles an einem seidenen Faden. Die sportliche Reise der Royals stand kurz vor dem Ende. Ein gewaltiger Spielermangel hätte beinahe das Aus eingeläutet. An eine Liga-Teilnahme war nicht zu denken. Als ich davon hörte, beschlich mich schon ein komisches Gefühl, das wohl am ehesten mit dem Wort Melancholie zu beschreiben ist, auch wenn ich die Geschehnisse nur aus der Ferne betrachtete. Wären da nicht Benjamin Groß und Tim Bornhausen gewesen, würde es den Verein möglicherweise nicht mehr geben. Mit viel Herzblut wendeten die beiden Spieler die drohende Katastrophe ab, trommelten Leute aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet zusammen, bis die Royals wieder über eine wettbewerbsfähige Mannschaft verfügten. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

 

Jetzt wird das Zepter von einer neuen Generation geschwungen. Erstaunlich, dass auch diese Protagonisten den Verein mit dem Geist der vergangenen Jahre führen. Sie können es freilich nicht wissen, aber gerade für die «alten Säcke» ist das schon etwas Besonderes, bedeutet es doch, dass all das, was in den vergangenen Jahren in Rüsselsheim geschehen ist, auch in der Gegenwart noch spürbar ist. Genau aus diesem Grund bin ich noch immer gerne dabei, freue mich wie ein kleines Kind auf jedes Training und auf meine Team-Kameraden, auch wenn sie heute andere Namen haben. Aber das macht die Sache nicht schlechter, sondern spannender. Und wer weiß, vielleicht werde ich ja wieder fit und darf auch mal in einem offiziellen Spiel ins Trikot meines Lieblingsvereins schlüpfen.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Raabinio (Mittwoch, 13 Juli 2016 15:23)

    Sehr geiler Artikel. Da werden Erinnerungen wach...
    Einmal Royal, immer Royal!

    Grüße aus München,
    S.

  • #2

    Michael "69" K. (Mittwoch, 24 August 2016 07:32)

    (y)