Der US-Import

Darren Luke kam Mitte der 2000er Jahre zum RRSC. Mario Viggiani lotste den US-Boy direkt an den Sommerdamm — und der Verteidiger schlug bei den »Königlichen« auf Anhieb ein.

Darren Luke (Rüsselsheim Royals)
Ein Bild aus der alten Zeit: Verteidiger Darren Luke im Trikot der Rüsselsheim Royals.

Heute lebt er nicht mehr in Deutschland. Vor einigen Jahren zog es Darren Luke zurück in seine nordamerikanische Heimat. In Rüsselsheim ist er bis heute aber unvergessen geblieben. Luke, Jahrgang 1981, verstärkte ab 2004 die RRSC-Verteidigung. Der damals 23-Jährige legte gleich los wie die Feuerwehr und verdiente sich regelmäßig Bestnoten, wenn der RRSC irgendwo in der Hessenliga um Punkte kämpfte. Gleich in seinen ersten beiden Spielen erzielte der in Detroit geborene Defensiv-Allrounder drei Tore und steuerte zudem noch drei Assists bei. Das war natürlich ein Einstand nach Maß.

 

Wenn er nicht auf dem Hockeyplatz unterwegs war, verdiente er sich bei Opel seine Brötchen oder drückte die Schulbank, um die deutsche Sprache zu erlernen. Die anfängliche Sprachbarriere war häufig ein Garant für große Lacher. Lustig wurde es stets, wenn es bei einem Spiel nicht rund lief und Spielertrainer Krzysztof Bielski auf Luke einredete. Dabei vergaß er häufig, dass sein Gesprächspartner zu diesem Zeitpunkt der deutschen Sprache noch nicht mächtig war. Luke stand dann stets seelenruhig da, ließ fast schon stoisch die Ausführungen über sich ergehen, um kurz darauf auf dem Spielfeld rein gar nichts an seiner Spielweise zu ändern, was wiederum dazu führte, dass er ein zweites Mal von Bielski in die Mangel genommen wurde. Das ging dann solange, bis jemand den Hinweis gab, dass es wohl besser sei, es einmal auf Englisch zu versuchen. Danach bogen sich sämtliche Spieler vor Lachen — und Bielski klärte seinen Schützling daraufhin in dessen Landessprache auf.

 

Inspector Darren

 

Leider war Luke nie über eine ganze Saison dabei. Aus beruflichen Gründen fehlte ihm zwar häufig die Zeit, um dem Puck nachzujagen. Zählte er jedoch zum Kader, war er stets eine große Verstärkung für das Team.

 

Aufgrund seiner Spielweise bekam er gleich einen aussagekräftigen Spitznamen verpasst: »Inspector Darren« wurde er in Anlehnung an die Zeichentrickserie »Inspector Gadget« genannt, da er in der Verteidigung häufig auf unkonventionelle Art und Weise agierte, wie beispielsweise an irgendeinem Sommertag in Wölfersheim, als er mit ausgestrecktem Fuß einen Schlagschuss schon fast artistisch auf der Torlinie parierte und das Spielgerät nach dieser Aktion irgendwo auf Höhe der blauen Linie landete.

 

Mister Tape

 


Bielski (links) redet auf seine Teamkollegen ein, während Luke lediglich einige Splitter versteht und sich daher unbeteiligt gibt.


Spielerisch kann man ihm rein gar nichts vorwerfen. Optisch gab es stets einiges zu beanstanden. Betrat Luke den Hockeyplatz, sah es fast schon so aus, als wäre der Rechtsschütze aus den Einzelteilen mehrerer Hockeyspieler zusammengesetzt worden. Fast immer trug er Stutzen in verschiedenen Farben, die praktisch nur noch durch Unmengen von Panzertape zusammengehalten wurden. Die Eishockeyhose darüber war komplett zerschlissen, überall sah man die Polster. Das hatte schon fast skurrile Züge.

 

Auch die deutsche Kultur sagte ihm zu. Mit seinen mitunter verrückten Teamkameraden zog er häufig bis in die frühen Morgenstunden durch Wiesbadener und Mainzer Kneipen oder Discotheken, besuchte aber auch mit der Mannschaft das eine oder andere Musik-Festival. Das nennt man wohl Völkerverständigung auf Royals-Art. Kurzum: Er wurde, allerdings unter Zwang, ein Experte für deutsches Bier. Da dauerte es natürlich nicht lange, bis er sich in »Good Old Germany« pudelwohl fühlte. Auf seine gerade erst kennengelernten Freunde konnte er sich dabei immer verlassen. Sein Kumpel Mario Viggiani erleichterte ihm den Start im fremden Land, half ihm bei den Hausaufgaben in der Deutsch-Klasse, stellte Luke zahlreiche Leute vor und kutschierte ihn nach einer durchzechten Nacht häufig zurück nach Wiesbaden, wo er in der Innenstadt eine Wohnung gemietet hatte.

 

Dorthin lud der Mann aus Michigan seine Teamkollegen auch das eine oder andere Mal ein, wenn ein NHL-Spiel auf dem Programm stand. Luke ist leidenschaftlicher Fan der Detroit Red Wings. Erzählte er von Spielern wie Steve Yzerman, Nicklas Lydstrom oder später Pavel Datsyuk, nahm seine Stimme fast ehrfürchtige Klänge an. Sein Lieblingscrack war jedoch Kris Draper, den er aufgrund seiner Vereinstreue und arbeitsintensiver Spielweise sehr schätzte — und genauso agierte er selbst auch auf dem Spielfeld.

 

Lukes Hockey-Stil war ebenfalls geprägt von Arbeit. Er rackerte, kämpfte an der Bande um die Scheibe und warf sich, zumindest beim Inlinehockey, auch mal in einen Schlagschuss, wenn es die Situation erforderte. In der Offensive war er jederzeit für einen Treffer gut. Damit sicherte er sich die Anerkennung seiner Teamkollegen.

 

Wehmut

 

Für ihn bleiben diese Tage ebenfalls unvergesslich. Erst kürzlich meinte er, als sein ehemaliger Mannschaftskamerad Stefan Swoboda via Facebook mit ihm chattete, dass ihm die Abende am Sommerdamm fehlen würden und er sich gerne an die Zeit bei den Rüsselsheim Royals zurückerinnert. Da kann man schon melancholisch werden — aber die Erinnerung bleibt und rückblickend ist es eine schöne Auszeichnung für die Mannschaft mit der Krone auf der Brust, dass jemand, der aus einem anderen Land nach Hessen kam, zumindest in sportlicher Sicht unter den Fahnen des RRSC eine neue Heimat fand, als er die ersten Gehversuche in einem fremden Land unternahm.

 

Sieben Jahre lebte er in Wiesbaden, ehe er seine Zelte in Deutschland abbrach und zurück über den großen Teich jettete. Kurz vor seinem Abflug feierte er im Vereinsheim des Eishockeyclubs EV Wiesbaden, dessen Farben er häufig trug, eine Abschiedsparty. Dort ließ er es ein letztes Mal richtig krachen, zog mit einigen unentwegten Freunden im Anschluss durch das Kneipenviertel der hessischen Landeshauptstadt, ehe das Kapitel Deutschland wenige Tage später für ihn endete.

 

Die Royals werden ihren US-Boy stets in guter Erinnerung behalten. Und wer weiß, vielleicht schaut er ja eines Tages, wenn er sich mal wieder in Deutschland blicken lässt, am Sommerdamm vorbei.

 

 


Darren Lukes Fotoalbum



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